Wasserversorgung

Hallo zusammen, im Impact Newsletter 6/2021 habt ihr das Thema Wasserversorgung vorgestellt. Eine entscheidende Lebensgrundlage, die wie wir inzwischen wissen nur nachhaltig gedacht werden kann. Für mich reicht es nicht aus eine dieselbetriebene Pumpe gegen eine solarstrombetriebene Pumpe auszutauschen, da die Ressource Wasser besonders in den Einsatzgebieten von AGT begrenzt ist. Die Ausweitung der Lebensmittelproduktion (pflanzlich/tierisch) ist unweigerlich mit den verfügbaren Wasserressourcen verbunden. Wo kommt dieses Wasser her, wie nachhaltig ist der Wassereinsatz und wie gerecht werden diese Wasserressourcen unter allen Beteiligten verteilt? Da wir bereits in Deutschland über Wasserknappheit diskutieren, würde ich gerne mehr über die Situation und den AGT-Einsatzgebieten erfahren. Reicht es Regenwasser zu sammeln oder braucht es ein ausgeklügeltes Wassermanagement in unseren Dörfern? Kennt jemand Beispiele, wo es gelungen ist eine ausreichende und gerechte Wasserversorgung nachhaltig sicherzustellen? Freue mich auf eure Antworten

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Ich würde die Frage gerne noch erweitern: soweit ich weiß ist prognostiziert, dass die Niederschlagsmengen im Sahel durch die Klimaveränderungen steigen werden. Das scheint mir einer der wenigen positiven Effekte zu sein, erfordert aber natürlich auch entsprechende Anpassungen, da wir wahrscheinlich nicht darauf hoffen dürfen, dass der Regen immer genau dann und in der Menge fallen wird, die für die Landwirtschaft am günstigsten ist. Weiß jemand mehr dazu?

Hallo @Heiko die Situation im Sahel bzgl. Wasser ist sehr komplex und deutlich dramatischer und damit weniger vergleichbar mit dem globalen Norden.

Heute haben weltweit gesehen 1,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, bis in 20 Jahren könnte die Hälfte der gesamten Menschheit betroffen sein. Deshalb sind Lösungen mehr denn je gefragt, denn die Verfügbarkeit von Trink-Wasser wird eines der zentralen Probleme für die Menschheit im Zuge des Klimawandels.

Im Sahel führt der Kampf um Wasserstellen schon heute zu tödlichen Auseinandersetzungen und Massakern in Dörfern. Der Zusammenhang muss man etwas größer betrachten. Die Wirtschaft der meisten afrikanischen Staaten beruht primär auf der Landwirtschaft, die wiederum fast ausschließlich vom Niederschlag abhängig ist. Das durchschnittliche Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion von ungefähr 2 % jährlich hält mit dem Bevölkerungswachstum nicht mit. Einer der Gründe ist der im Verhältnis zur verfügbaren Fläche, geringe Anteil von bewässertem Agrarland von nur 5 %. Insofern ist die effiziente Nutzung von Solarpumpen ein wichtiger Bestandteil eines nachhaltigen Wassermanagements.

Ich beantworte deine weitere Frage auf die „AGT-Einsatzgebiete“ bezogen, weil es hier doch regional extreme Unterschiede gibt.

Dazu muss man wissen, dass das Wasser ja nicht wie bei uns „aus dem Hahn“ kommt, sondern die Menschen nur zu ca. 40% überhaupt Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Im ländlichen Raum sieht das vielerorts noch so aus:

Wasserloch

Anders als bei uns, sind die Menschen dort zunächst gewohnt Wasser an zentralen Stellen (Tiefbrunnen) zu holen. Ein weiteres Problem ist dass viele dieser Brunnen in den vergangenen Jahren immer tiefer gebohrt wurden und dadurch salzige Segmente sich mit darüberliegenden Grundwasserschichten verbinden, das ist z.B. in der Region Kayes oder im Osten des Senegals ein massives (zusätzliches) Problem.

Die Folgen des Klimawandels spitzt die Konkurrenz um Boden- und Wasserressourcen massiv zu, auch im Zusammenspiel mit dem im Sahel äußerst hohen Bevölkerungswachstum. Betroffen sind hier in erster Linie die Konfliktlinie zwischen Viehhirten und Ackerbauern, ein Umstand, der dann von Dschihadisten zum Anlass genommen wird, Partei für eine der beiden Seiten zu ergreifen und somit althergebrachte Konflikte in hasserfüllte Konfliktspiralen zu verwandeln – etwa zwischen Fulbe (Viehhirten) und Dogon (Ackerbauern) in Mali.

Der Druck auf die knappen Wasserressourcen hat sich nicht nur durch die wachsende Bevölkerung, sondern auch durch ein schlechtes Wassermanagement erheblich erhöht. Ein Problem stellt nicht zuletzt die schlechte Qualität des verfügbaren Wassers dar, das nicht selten verseucht ist und als wie Malaria, Durchfall und Cholera fungiert.

Der Einfluss der unsicheren Niederschlagsmengen auf die Grundwasserressourcen ist weitgehend unbekannt, wie sich Überschwemmungen auswirken kennen wir ja auch aus unseren Breiten, im Sahel bedrohen sie die Landwirtschaft und die Wasserressourcen. Sie zerstören die Infrastruktur und die Behausungen der Landbevölkerung und überfluten die Felder mit kontaminierten Wassermassen.

Es gibt tolle Visionen und Konzepte für Wasserrückhaltebecken, unterirdische Stauseen und Dämme, die das Wasser während der Regenzeit aufhalten und speichern. Dies verhindert theoretisch Überschwemmungen und hilft besser über die Trockenzeit hinweg, aber solche Projekte sind wenn dann in Ländern wie Kenia geplant, wo die Arbeit einfacher ist. Im Sahel lassen sich viele Projekte nicht umsetzen und/ oder finanzieren, weil die Sicherheitslage sich immer mehr verschlimmert hat. Leider.

Das ist ja auch unsere größte Herausforderung! Technologien und Möglichkeiten die Menschen an die Folgen des (maßgeblich von uns verursachten) Klimawandels anzupassen sind vorhanden. Es fehlt an Finanzierung und mutigen Menschen die bereit sind vorort zu arbeiten.

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Da ich bei Cradle-to-Cradle aktiv bin, ergänze ich hier nur einen Hinweis. Einer der fünf Kriterien bei C2C ist „Water & Soil Stewardship“. Genau in dieser Richtung zielt ja die Frage und der Zusammenhang ist hier erkennbar!

Ich denke, wenn man die Fragestellung etwas größer aufzieht, dann müssten man generell über Kreislauffähigkeit reden. Bei Gelegenheit könnte ich dazu mal eine separate Diskussion öffnen, denn gerade in dem Umfeld lägen besondere Chancen darin, das Thema regional und somit unter Einbeziehung lokalen Wissens anzugehen.

Vorweg gesagt, geht es hier nicht um Altpapierrecycling o.ä., denn das ist Downcycling und kontraproduktiv.

Grüße, Martin

Das Denken in Kreisläufen ist für mich inzwischen auch zu einem wichtigen Bestandteil meines täglichen Lebens geworden und ich glaube auch, dass die Menschheit langfristig nur so ihre Existenz sichern kann. Ich stelle jedoch fest, dass viele Menschen im globalen Norden diese Notwendigkeit noch immer nicht sehen und lieber so weitermachen möchten wie bisher (Alter +50). Da der globale Süden die Auswirkungen der Ressourcenknappheit bereits heute viel stärker spürt, könnte es vielleicht auch eine Chance sein, die Produktionsprozesse auf nachhaltige Kreislaufwirtschaft auszurichten. Da die Dorfgemeinschaften überschaubare Größen darstellen und durch AGT eine besondere Aufbruchstimmung geschaffen wurde, könnte vielleicht auch das Nutzen des Solarstromes zu einem nachhaltigen Produzieren von Lebensmitteln führen. Wie vermittelt man nun dieses Wissen und verhindert den kurzfristigen Ausverkauf der letzten Reserven? Hier kommt mein Einwand gegen das bloße Tauschen der Pumpenart wieder zum Tragen. Sind wir bei AGT in der Lage solche Prozesse mit anzuschieben oder gibt es andere Organisationen wie P2P die auch im globalen Süden aktiv unterstützen können? Das Wissen ist da, aber wie platzieren wir es an der richtigen Stelle? Bin schon gespannt auf weitere Interviews mit den Farmern.
Gruß
Heiko

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Hallo Heiko,

ich greife gern deine Gedanken und Fragen aus dem Juli noch einmal auf, da sie durch unser neues 100-Pumpenprojekt wieder sehr aktuell geworden sind. Sicher hast du dich dort auch bereits umgeschaut.

Die Menschen vor Ort zu vernetzen und Wissen zu teilen, ist eines unserer Ziele für die nächsten Jahre, das wir vor allem durch unseren Standort im Senegal erreichen wollen. Dort wird es auch ein großes Schulungszentrum geben, wo genau solche Themen interessant und wichtig sind. Wenn du persönlich Programme oder Organisationen kennst, die dann dort unterstützen und tätig werden können, immer raus damit :slight_smile:

LG Jörg

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