Warum Crowdinvesting auf eigene Faust?

Ich hätte die Frage warum man sich für Crowdfunding als Finanzierungsmodel entschieden hat und im besonderen warum man das mit einer neuen eigenen Plattform gemacht hat?

Auf den ersten Blick wirkt das ein bisschen wie der harte Weg, den man da gehen wollte. Existierende Plattformen haben ja nämlich bereits eine gewisse Reichweite an Leuten (über Newsletter z.B.) die an solchen Finanzierungen interessiert sind. Startet man selber muss man die natürlich erst wieder mühsam suchen?
Auch der Betrieb ist eventuell Zusatzaufwand, weshalb es es für mich erstmal nicht intuitiv ist das zu machen, und eine Möglichkeit sein könnte die bereits existierenden Plattformen hätten das Projekt abgelehnt.
Mich würde deshalb eben interessieren warum ihr den Weg der eigenen Plattform gewählt habt und ob das eine aktive Entscheidung war.

Einziger Hinweis in die Richtung habe ich hier im Forum gefunden

Zusätzlich soll eine Crowdfunding Plattform entstehen, auf der Nutzer sich direkt an den einzelnen Projekten von Africa GreenTec und dem Aufbau von Infrastruktur beteiligen können. So ist angedacht, dass Nutzer gezielt bestimmte Bauteile eines Projektes, dass ihnen am Herzen liegt, finanzieren. Bei dem einen kann das z.B. ein Teil des Stromnetzes in einem Dorf in Mali sein. Jemand anderes hat vielleicht einen Bezug zum Senegal und finanziert dort gemeinsam mit anderen Solarpanels. Ein Dritter stellt Geld für einen Hausanschluss oder ein Smartmeter zur Verfügung. So lässt sich der erzielte Impact viel genauer nachvollziehen. Auch Themen wie die Vergabe von sogenannten Micro-Darlehen oder die Möglichkeit gezielt für bestimmte Zwecke zu spenden sind in Planung.Quelle

Ist diese Plattform also für mehr als nur das momentane 5 Millionen Euro Ziel gedacht? Oder war das halt nur mal der Plan der nicht genau so umgesetzt wurde.

Ich würde mich über eine Antwort freuen
Grüße

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Die Kosten für externe Anbieter von Crowdfunding-Plattformen in Form von Vermittlungspauschalen von 5-10 % stellt hier sicher eines des entscheidenden Argumente dar!

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Hallo @egni

spannende Frage, dazu musst du dich ein wenig mit meiner Historie befassen:

Ich habe die deutsche Crowdinvesting-Szene mit aufgebaut seit 2011 und insgesamt 4 Plattformen gegründet. Insgesamt war ich bei der Finanzierung von 200 Startups/ Projekten beteiligt, entweder beratend, selbst als Entwickler oder als Plattform.

Später gründete ich

Das heutige equity based Crowdfunding oder auch das lending based crowdfunding was es eigentlich mehr ist, basiert auf dem reward based crowdfunding von Kickstarter. Die ursprünglichen Crowdfunding-Ideen ab ca. 2008 basierten auf einem sehr hohen emotionalen Impuls. Der „Macht“ einer großen Gruppe von Menschen Dinge möglich zu machen, die sonst nicht zustande kommen. z.B. das gemeinsame Finanzieren einer Südseeinsel. Ein Lieblings-Song nur für Fans, ein Computerspiel, dass die Crowd mitgestalten kann, ein Festival getragen von den Unterstützern.

Deshalb ist auch Crowdinvesting in Deutschland ist historisch bedingt nicht ein „Rendite-Instrument“ gewesen, sondern sollte seinerzeit eine Innovationslücke bei Seed-Projekten schließen. Die Idee der frühen Plattformen wie „Seed-Match“ war es Ideen zu verwirklichen die SONST keine Finanzierungsmöglichkeiten haben, da Banken oder VCs nicht bereit waren Innovationen und Ideen zu fördern. Viele dieser frühen Projekten waren ECHTE PRE-Seed-Startups. In den ersten Blogbeiträgen der Plattformen wurde das auch offen kommuniziert, dass mit Ausfall-Raten von 90% zu rechnen ist.

Im Laufe der letzten Jahre ist die deutsche Crowdinvesting-Szene -vorallem durch die großen Kapitalmarktbetrugsfälle wie S&S, Prokon etc.- stark „überreguliert“ worden.

Dies führte bereits 2013 dazu, dass den deutschen Crowdfundingplattformen ausschließlich das qualifizierte patr. Nachrangdarlehen zur Verfügung stand, was für einen Crowd - Investor die denkbar schlechteste Möglichkeit ist zu investieren. Die Kapitalmarktregulierung in UK war historisch schon immer extrem Anlegerfreundlich, was es z.B. Seedrs ermöglicht hat echte Beteiligungsangebote zu machen.

Es sind aber weder die Plattformen, noch die Projekte die daran „schuld“ sind, dass diese Entwicklung sich zu dem heutigen „Zustand“ entwickelt hat.

Im vergangenen Herbst wurde die deutsche Regulierung etwas verändert, so dass jetzt auch Genussrechte und Genusscheine möglich sind, ich selbst habe aktuell das einzige Projekt dieser Art für uns selbst strukturiert:

Wir stehen jetzt bei 3 Mio. € und sind damit eines der größten Eigenkapital-Crowdfundings in Deutschland.

Eine weitere Entwicklung die den ursprünglichen „Crowdfunding“- Charakter verwässert hat ist der Einstieg der Immobilien-Entwickler in den Markt, der ca. 2016 verstärkt kam und heute auch das größte Kapitalvolumen am Markt einnimmt. Hier ist die klassische „deutsche“ Denke bedient worden. Sicherheit + Rendite.

Für dieses Investorenprofil ist Crowdinvesting -meiner Meinung nach- ungeeignet. Wer eine eindeutige Rendite und Sicherheit erwartet sollte in Aktienfonds investieren.

Crowdinvesting ist für mich weiterhin ein „partizipatives Finanzierungsinstrument für Innovation und/ oder neue Technologien“.

Investoren, die keine emotionale Bindung zum Projekt oder dem Geschäftsmodell haben sollten meiner Meinung nach GRUNDSÄTZLICH die Finger vom Crowdinvesting lassen.

Dazu kommt, dass auch zunehmend Plattformen und auch Projektentwickler die Crowd für „dummes Geld“ halten und einfach schlechte Projekte platziert werden, die dann eine Wirkung auf ALLE -auch die Guten- Projekte haben.

Ein Unternehmen/ ein Projekt, dass sich TRANSPARENT und offen einem „Publikum“ stellt hat in der Regel auch ein großes Risiko, es ist sehr „anstrengend“ sich mit tausenden von Anlegern auseinanderzusetzen, Fragen zu beantworten, selbst wenn jemand „nur“ 50 Euro investiert. Ich mache das seit 10 Jahren.

Mittlerweile kenne ich große Investoren, mir stehen Mittel wie Anleihen, Fonds usw. zur Verfügung, gerade in den letzten Monaten ist eine regelrechte Geldschwemme im Markt durch Corona.

Dennoch halte ich persönlich an der ursprünglichen Idee des Crowdinvesting fest: Eine engagierte Gruppe von Menschen, die auch Wissen, Kontakte und Ideen beitragen, macht etwas (Großartiges) möglich. Dieses Gefühl „Mitunternehmer“, Mit-Akteur zu sein ist für uns bei Africa GreenTec
ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. So entstehen großartige Dinge die Menschen bewegen und das geht meiner Meinung nach eher mit Crowdfunding als z.B. mit institutionellem Geld das einzig auf Sicherheit und Rendite aus ist.

Ein weiterer Aspekt wurde von @michael bereits genannt. Die Gebühren und Kosten. Plattformen wie bettervest nehmen bis zu 10% Vermittlungsgebühr zzgl. einer jährlichen Verwaltungsgebühr von 1%, was bei einem zehnjährigen Darlehen also knapp 20% sind.

Darüberhinaus treten die Crowdfundingplattformen nur als „Vermittler“ auf, gerade bei Projekten in Afrika sind die Anleger also durch keine Instanz geschützt. Um die Darlehen in Deutschland über eine Vermittlungsplattform aufzunehmen werden oft wertlose, UG´s gegründet, die dann das Geld an einen lokalen Partner in Afrika weiterleiten. Die deutsche UG hat keinerlei Interesse an einem Erfolg des Projektes, weil oft eine Sofortmarge verdient wird. Auch kann weder die Plattform noch die deutsche UG Einfluss auf den Erfolg des Projektes vorort nehmen. Bei uns wird das anders sein. Wir finanzieren unsere eigenen Projekte und wir haben eine starke Infrastruktur vorort um die Projekte zu steuern und bei Problemen einzugreifen, da wir die gesamte Wertschöpfungskette die bei Plattformen auf mind. drei meist sogar vier juristische Personen aufgeteilt wird. Damit können wir unseren künftigen Anlegern eine viel größere Sicherheit, Transparenz und Wirkung anbieten.

Der Hauptgrund sind aber die hohen Kosten, die die Plattformen nehmen (müssen) um selbst ein profitables Geschäfts zu machen. Das können und wollen wir uns nicht leisten, deshalb gehen wir den eigenen Weg. Wenn man als Gründer einen der großen Crowdfunding-Pioniere hat, sollte man dieses Knowhow nutzen.

beste Grüße
Torsten

Gründer https://www.africagreentec.com/
Co-Gründer https://www.bettervest.com/
Co-Gründer https://www.aescuvest.de/

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Lieber Torsten,

herzlichen Dank für deine ausführliche Antwort!

Zusammengefasst hätte ich also folgende Punkte identifiziert:

  1. weil man es als Gemeinschaftsprojekt fahren will (Netzwerk & Akzeptanz) → CF
  2. eigene Plattform: weil die etablierte Branche so ein bisschen vom rechten Weg abgekommen ist und man sich da distanzieren will und weil du es kannst :slight_smile:
    aber vorrangig: Kosten(vor allem wegen dem hohen Volumen, so sich selber machen rechnet )
    Ja ist für mich schlüssig.
    Bin übrigens schon seit ein paar Jahren auf der anderen Seite unterwegs und kann gut nachvollziehen was du meinst.

Was ich nicht ganz verstehe ist, wo du AGT jetzt siehst? PRE-Seed-Startup mit 90% Ausfall Chance? Oder willst du eher zeigen, dass CF auch Redite bringen kann? Eben das Modell dieser Finanzierung den nächsten Schritt voranbringen, von dem was historisch die Wahrnehmung ist.

Und auch interessant wäre was aus dieser Idee des Finanzierens von genauen Teilen oder bestimmen Ländern im Bezug auf Impact Verfolgung geworden ist(was ich oben als Kommentar verlinkt habe). Meine Meinung dazu ist irgendwie, dass sich das schwierig gestallten könnte. Weil die Menschen manche Teile vielleicht attraktiv finden weil ein Zugang dazu da ist (Kühlbox, Wasserpumpen) wieder anderes aber nicht so fancy ist (Leitungsnetz). Das also Investment Interesse nicht zwangsläufig mit Finanziellem Aufwand oder auch Wirtschaftlichkeit/Sinnhaftigkeit einhergeht.

Danke auch für deine Starken klaren Statements!

Hallo @egni

danke für deine Fragen und Anmerkungen. Die große Herausforderung ist tatsächlich komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass sie verstanden werden. Das ist für uns immer wieder schwierig.

Das jetztige Crowdinvesting unter der Domain https://africagreentec.investments/ ist ein sog. „Eigenfunding“.

Dazu musst du dir ein wenig die Historie von unseren Projekten ansehen. Wir haben die ersten 5 Solartainer über Fremdplattformen finanziert. 2015 noch über die damals von mir mitgegründete Plattform. Ich wollte mehr Impact und vorallem wollte ich Crowdfunding in Afrika machen. Meine damaligen Mitgründer waren 2014 dafür nicht sehr offen. Mich trieb es aber extrem nach dem Wunsch Dieselgeneratoren zu substituieren: Die Geschichte fängt 2014 an - YouTube

Der ursprüngliche Plan war es 10 weitere Solartainer über die von mir mitgegründete Plattform zu finanzieren, bei den ersten damaligen Businessplänen gingen wir davon aus, dass wir soviele brauchen um den Betrieb zu finanzieren.

Allerdings sind meine Mitgründer damals nach der dritten Finanzierung ausgestiegen und wir haben uns dann getrennt. In der Folge entwickelte ich ein neues Finanzinstrument, welches sich nicht mehr an die Crowd richtet sondern an institutionelle, semi-professionelle Anleger. Auch haben wir den Coupon runtergenommen, also Zinsen und Laufzeit hoch.

Zwischenzeitig hatten viele Plattformen in ganz Europa unsere Solarcontainer als Vorbild genommen und plötzlich hatten wir eine regelrechten Boom für Projekte in Entwicklungsländern ausgelöst. Es gab etliche Trittbrettfahrer, CopyCats die versuchten unsere Geschäfts- und Finanzierungsmodelle zu kopieren.

Oft ist man als Pionier in der traurigen Situation, dass man sehr viel Lehrgeld bezahlt und andere kommen nachdem sie alles abgeguckt haben und steigen in den Markt ein mit günstigen Konditionen oder Preisen. Auch damit hatten wir in dieser Zeit zu kämpfen.

Aber es gelang mir große nachhaltige Partner zu finden die in die Anleihe eingestiegen sind, darunter die GLS-Bank und andere namhafte Familyoffices: Africa GreenTec - Elektrizität schafft ein Einkommen

In den Jahren 2017 und 2018 erhielt diese Anleihe und das Projekte sehr große Aufmerksamkeit und das war auch der Zeitpunkt als dann die Bundesregierung aufmerksam wurde und uns unterstützte:

Der Durchbruch kam im April 2018 nachdem das ZDF die Dokumentation „Die Solarstrom-Macher“ über unser Projekt drehte und unser Bekanntheitsgrad sich erheblich erhöhte.

In der Folge baute sich eine regelrechte „Fanbase“ auf, mit über 1 Mio. Fans bei facebook:

und es entstand zunehmend der Wunsch vieler Fans, bei uns „einzusteigen“, so wie in den ersten Tagen 2015 bei den ersten Containern.

Wie ich weiter oben berichtete war das auch die Zeit als das Crowdfunding in Deutschland etwas gelockert wurde und statt dem partr. Nachrangdarlehen auch andere Finanzierungsinstrumente erlaubt waren. ich begann also im Juli 2019 mit der Strukturierung des ersten Eigenkapital-Genussrechtes, was aktiennah ausgestaltet ist, unser aktuelles Funding, was einmalig in Deutschland ist, weil es sich wesentlich unterscheidet von einem „Darlehen“, dadurch, dass die Genussrechts-Inhaber eben an der Untenrehmenswertsteigerung partizipieren und gleichzeitig ein Gewinnbezugsrecht erhalten.

Die „Plattform“ von der Du sprichst kommt im Laufe des Jahres und wird dann wieder „back-to-The-Roots“ die Finanzierung einzelner ImpactSites mit Darlehen ermöglichen, dh. Du kannst dich dann an der Elektrifizierung des konkreten Dorfes ABC in Land DEF beteiligen.

Eben mit dem Unterschied /wie oben beschrieben, dass wir die Projekte mit unseren lokalen Betriebsgesellschaften auch sichern und schützen können.

Hoffe ich hab es dir jetzt gut erklärt :slight_smile:

Grüße
Torsten

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Hi Egni,

wo wir Africa GreenTec sehen, haben wir im Pitch-Video auf der Crowdfunding-Seite klar kommunziert, siehe hierzu auch nochmal das Statement von Wolfgang:

Wir sehen uns nicht mehr in der Pre-Seed oder Seedphase sondern am Übergang zum Scaleup

Startup_Phase

Mit der Plattform möchte ich zeigen, dass die „alte Form“ des Crowdinvesting oder des partizipativen Finanzierens möglich ist. Das ist tatsächlich ein mir sehr wichtiges Anliegen. #SeiDabei

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