Geburtenrate in Afrika/ Welchen Einfluss darf Entwicklungszusammenarbeit nehmen

In den Medien wird die Geburtenrate in Afrika oft als eine der Haupttreiber für Migration und Konflikte ausgemacht. Für Andere ist eine junge Bevölkerung auch eine Chance, den afrikanischen Kontinent z.B. zum Agrarexporteur zu transformieren.

Eine Debatte um das Bevölkerungswachstum in Afrika ist dringend geboten, allerdings aus meiner Sicht muss man hier gerade auf religiöse, ethnische und auch kulturelle Unterschiede Rücksicht nehmen.

Im Rahmen der Verschärfdung der Situation in Sub-Sahara-Afrika lese und höre ich im Netzwerk immer wieder das Thema und den damit verbundenen Unterton, das die Menschen Vorort eine „zu hohe“ Geburtenrate haben. Es ist richtig, dass dies ein großer Treiber von Migration ist. Was viele vergessen, auch in den Industrieländern war die Lebenserwartung in vorindustriellen Gesellschaften kurz. Kinder wurden damals ebenfalls primär als Alterssicherung angesehen. Heute haben sich die Lebensbedingungen im globalen Norden vollkommen geändert. Der Lebensstandard von Familien sinkt mit der Geburt jedes Kindes und damit auch die Bereitschaft, mehrere Kinder aufzuziehen.

Man spricht hier vom „Demografisch-ökonomisches Paradoxon“.

Aber es ist komplexer: Zunächst ist die Fruchtbarkeit einer Frau in vielen Ländern und Ethnien Afrikas ein positives Symbol. Der gesellschaftliche Wert und die soziale Anerkennung einer (vielfachen) Mutter ist viel höher als in Ländern des globalen Nordens. In Deutschland ist eine Frau, die mehr als zwei oder drei Kinder hat schon asozial. Ein weiterer Grund für die hohe Geburtenrate im globalen Süden ist die hohe Kindersterblichkeit, in den Dörfern Malis und Nigers in denen wir z.B. aktiv sind sterben bis zu 1/3 der Kleinkinder an (einfachsten) Infektionskrankheiten oder Malaria vor ihrem 5. Lebensjahr. Deshalb setzen wir in den Dörfern, die wir mit einem [#Solartainer] versorgen auch immer auf eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung, das gehört zu unserem ganzheitlichen #ImpactSite Ansatz.

Neben gesellschaftlicher Anerkennung sind in ärmeren Ländern, Kinder schlicht eine „Versicherung“ für das eigene Alter. Es gibt keine (staatliche) Rentenversicherung, keine Sozialversicherung, keinen Wohlfahrtsstaat, wie bei uns. Wer krank wird und kein Geld hat stirbt, manchmal auf der Schwelle zum Krankenhaus. Wer alt wird und nicht mehr arbeiten kann ebenso. Der (Irr-)glaube, von vielen eigenen Kindern wird schon einer für die eigene Zukunft sorgen, ist daher kulturell weit verbreitet und auch wissenschaftlich untersucht. Gegenwärtig liegt die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau in Afrika bei 4,7 (exakt so hoch wie in Deutschland vor der industriellen Revolution).

In Mali und Niger bis zu 9, denn ein weiterer sehr wichtiger Grund ist die Religion. In islamisch geprägten ländlichen Regionen ist Polygamie für Männer immer noch ein Statussymbol. Viele Frauen zu haben (die Religion lässt 4 legale Ehen zu) ist ein Zeichen von Wohlstand und gesellschaftlicher Stellung. Ein Dialog darüber, auch inter religiös ist sehr schwer. Das ist aber nicht das Problem der Frauen, diese sind in jedem Fall nur eher in der Opfer-rolle, werden oft nicht einmal gefragt ob sie verheiratet werden wollen. Ich kenne persönlich keine einzige Frau die glücklich ist in einer polygamischen Ehe zu leben. In den Großstädten müssen Frauen formal zustimmen im Standesamt.

Dennoch steht es uns meiner Meinung nach nicht zu unsere westliche Denkweise und Lebensweise den Menschen aufzudrängen und zu urteilen ob das richtig oder falsch ist - und so mancher deutsche Stammtischbesucher spricht da wohl oft eher aus Neid als aus Missgunst. Tatsächlich sind es in unserer Gesellschaft materielle Konsumgüter statt Polygamie.

Konsumreligion: Das zweite, dritte, vierte Auto, das Boot, die Urlaube, das Haus, Schmuck usw. Welches „Statussymbol“ hier das „Bessere“ ist … mag ich nicht zu bewerten. Zumindest in unseren Projekten machen wir eine Elektrizitätsversorgung auch immer abhängig davon, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen Zugang zu Bildung bekommen.

Lösung? Ja die gibt es und die sind auch wissenschaftlich und international klar bekannt und umrissen z.B. in den Global Sustainable Development Goals (SDGs) und diese gelten übrigens für alle Länder der Erde: Die Stärkung von Mädchen und Frauen in Bildung, Gleichberechtigung und Gesundheit. Eine der wichtigsten Ziele der Arbeit von Aida in unseren Dörfern.

Wissenschaftlich belegt ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Geburtenrate. Umso mehr Bildung Mädchen und Frauen erhalten umso geringer die Geburtenrate. Man spricht vom demografisch-ökonomisches Paradoxon. Vor der industriellen Revolution hatten wir in Europa ebenfalls Geburtenraten von 9 und mehr Kindern pro Frau. Das seinerzeit vorherrschende Weltbild der Frauen, die nicht wählen durften oder am Herd stehen sollten war dem des ländlichen Afrikas von heute sehr ähnlich.

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Ich denke auch, dass wir auf jeden Fall vermeiden müssen, unsere Normen auf andere Kulturen zu übertragen. Bildung und Rechte für Frauen ist wichtig, und Africa Greentec sollte sich unbedingt dafür einsetzen - und darüber berichten.
Ihr solltet auch die Geschichten der Frauen erzählen und wie sich ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder mit Zugang zu Strom und auch zu sauberem Wasser verändert. Wie es Frauen damit vielleicht auch schaffen, selbständig und unabhängig zu werden, Empowerment zu erfahren!

Hallo Birgit,

danke für deinen Beitrag. Du hast Recht, Frauen sollten vor Ort die Möglichkeiten bekommen, über sich selbst zu bestimmen und nicht mehr in einschränkenden Konfirmitäten oder Abhängigkeiten leben müssen. Wie weit wir uns da als Europäer von außen „einmischen“, ist ein schmaler Grat. Hast du dich damit bereits tiefer beschäftigt oder persönliche Erfahungen gesammelt?

Geschichten erzählen wir immer sehr gerne, weil sie auch unsere tägliche Motivation sind. Hierfür gibt es in unserem Blog die ImpactStories.
In der Storie über Awa Kone geht es um das Thema Frauen und Selbstbestimmung durch Selbstständigkeit. Schau gern einmal rein, falls du ihn noch nicht kennst:
Zum Blogbeitrag von Awa Kone

Liebe Grüße
Jörg

Ich finde es auch sehr wichtig, dass man sich in der Entwicklungszusammenarbeit und dem damit verbundenen Social Entrepreneurship immer - auch in seiner eigenen Denkweise und Argumentation - an das Grundprinzip hält: Partnerschaftliche Arbeit auf Augenhöhe.

Und dazu gehört, dass man religiöse und kulturelle Unterschiede respektiert und die jeweils andere Position zu verstehen versucht. Vielleicht gibt es dann dabei Dinge, wie z.B. die Polygamie zu Lasten der Frauen, bei denen man keinen Konsens findet. Aber solange es in einzelnen Themen keine unvereinbaren gesellschaftlichen Wertekonflikte gibt, die eine Partnerschaft von vornerein ausschließen oder zumindest sehr stark belasten, wie es aus Westlicher Sicht auf der Kooperationsebene der Staaten beispielsweise mit der aktuell praktizierten Todesstrafe in vielen Ländern der Welt sein könnte (und in einer idealen Welt auch sollte), ist ein friedlicher Dissens ja durchaus möglich und in manchen Fällen sogar sehr konstruktiv.

Auch hier ist wahrscheinlich der beste Weg, positive Veränderung zu erzielen, indem man positive Vorbilder schafft, wie es die Arbeit von AGT in dem Bereich des Empowerment von Frauen im Allgemeinen und in der Förderung von Mikrounternehmerinnen, dem Einbezug der Frauen in Entscheidungsfindungen und in der kontinuierlichen Konfrontation der Dorfgemeinschaften mit der Person und Funktion von Aida Schreiber im Konkreten auch zeigt.

Zu dem Thema des demografisch-ökonomischen Paradoxons gibt es ein mMn sehr gutes Buch von Hans Rösling mit dem Titel „Factfullness“. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Geburtenrate und auch der Entwicklung der historischen Geburtenraten wird von dem Autor kompakt und anschaulich in diesem TED Talk erklärt:

Hans Rösling über globales Bevölkerungswachstum

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